Pressestimmen CWR 48
Mainstream ist ein Fremdwort für Rupert Huber. Der österreichische Dirigent, Komponist und Performancekünstler lebt nicht nur die Hälfte des Jahres in Nepal (wo er als Schamane praktiziert!), sondern kraxelt auch musikalisch gern abseits der ausgetretenen Pfade. So wie bei seinem Auftritt in der Hauptkirche St. Jacobi, wo er die Hörer gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz und ChorWerk Ruhr auf einen Trip zu "Schubert in New York" entführte. Dort war das früh verstorbene Genie natürlich nie - aber deshalb kann man seine Werke ja trotzdem bei einer Zeitreise neben Stücke der amerikanischen Moderne beamen, in denen Schuberts Musik ihre Spuren hinterlassen hat. Durch die ungewohnte Nachbarschaft zu Cage, Feldman, Tenney und anderen ergaben sich reizvolle Reibungspunkte: Nach Feldmans asketischer Klangstudie "Christian Wolff in Cambridge" wirkten etwa die wispernden Tremoli am Anfang von Schuberts c-moll-Quartettsatz ganz eisig - von den Streichern des Ensemble Resonanz sehr fein artikuliert, trotz der halligen Kirchenakustik. Die kam eher den gehaltenen Akkorden in Cages "Four 2" für gemischten Chor zugute. Hier wie auch in den anderen Stücken bewältigten die 40 mit Stimmgabeln bewaffneten Sängerinnen und Sänger von ChorWerk Ruhr ihre anspruchsvollen Aufgaben souverän und traten vereinzelt auch als beeindruckende Solisten in Erscheinung. Beim Wettstreit von Männer- und Frauenchor hatten die Damen in puncto Homogenität und Intonation die Nase deutlich vorne. Nach der Pause machte Huber aus dem Neben- ein Übereinander und schichtete die verschiedenen Elemente zu einer Installation. So entstanden viele spannende Momente - etwa als Schuberts berühmtes As-Dur-Impromptu von bedrohlich dissonanten Cello- und Tubatönen förmlich erdrückt wurde -, aber auch mancher Leerlauf. Doch wer so eine Abenteuerreise durchs Dickicht fremder Klangwelten mitmacht, kann nicht immer Vollgas erwarten.
Hamburger Abendblatt, 2. Februar 2010
Mit dem Franzl im tosenden Big Apple
Rupert Hubers spannendes Klangexperiment "Schubert in New York"
(...) Als ausgebildeter Schamane ist der Österreicher Rupert Huber stets für Überraschungen gut. Bei der Ruhrtriennale irritierte er das Publikum letzthin mit seiner Klanginstallation "Tamar". Das von ihm geformte Chorwerk Ruhr konnte in Schönbergs Oper "Moses und Aron" seine Spitzenklasse beweisen. Wie klingt es, wenn der Franzl, der ja Wirtshaus-Eskapaden nicht abgeneigt war, im tosenden Big Apple einträfe? Das war gleich zu Beginn zu hören, als seine frühe c-Moll-Ouvertüre, eine dunkle Trauermusik für Streicher mit einem bohrenden Thema wie bei Beethoven, auf Morton Feldmans Chorstück "Christian Wolff in Cambridge" mit ihren schwebenden Klangflächen im Obertonbereich traf. Da wurde die Seelenverwandtschaft mit dem Wiener Romantiker und dem experimentierfreudigen New Yorker Klangalchimisten schlagartig deutlich. Morton Feldman wollte die Klänge atmen lassen, ihnen Zeit lassen zur Entfaltung. Dass sie wie Schubert den unendlichen Klang wie in ein Medaillon in zarte Miniaturen einfassen, ist typisch für die Individualisten der New Yorker Avangarde um Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ebenso wie der Wille von John Cage und Earle Brown, die wie Feldman zur New Yorker Schule zählten, bis an extreme Grenzen des Klanges zu gehen. Cage unternimmt das beispielhaft in seinem "Solo for Voice". Dass Julia Mihaly, die diese Geräuschmusik fesselnd ins Extrem trieb, aus den Reihen des Chorwerks kommt, spricht für die Qualität dieses Revier-Ensembles. Cage leitete eine Serie von Zweifach-bis Dreifach-Überblendungen ein, die sich Huber ausgedacht hatte. Schuberts Tenor - "Ständchen" (auch der famose Tenor Markus Francke gehört zum Chorwerk Ruhr) mit einem Feldman-Stück für Chor und Instrumente zu unterlegen und sein As-Dur-Impromptu für Klavier (Stefan Irmer) mitten in Christian Wolffs schwebendes Instrumentalstück "Edges" hineinplatzen zu lassen, verblüffte. Aber es wirkte erhellend.
Recklinghäuser Zeitung, Kultur, 02.02.2010
Schubert und die Amerikaner
Das ChorWerk Ruhr mit Rupert Huber fügte in der Philharmonie Romantik und die Moderne auf spannende Weise zusammen
Er mixt alte mit neuen Klängen und zaubert wahrhaft Atmosphärisches - der österreichische Dirigent und Komponist Rupert Huber, der sein in Nepal erworbendes Schamanentum in die Musik einfließen lässt. Er war wieder einmal Gast in der Philharmonie. Mit ihm sein Chorwerk Ruhr, das er seit 2008 leitet sowie das aus Hamburg angereiste Ensemble Resonanz, dessen Markenzeichen kontrastreiche Programme sind. Es war ein Abend der verrückten Klänge: "Schubert in New York". Dass Schubert, der Meister der musikalischen Stimmungsbilder, nie den Fuß auf einen anderen Kontinent gesetzt hat, weiß der Musikfreund. Es waren die Amerikaner Morton Feldman, John Cage, Earle Brown, Christian Wolff und James Tenney, die Rupert Huber mit Schuberts Ton malenden Künsten in einer Installation zusammenbrachte. Abwegig ist das ganz und gar nicht. Haben Cage & Co, die Komponisten der New Yorker Schule , sich doch selbst auf den Außenseiter Franz Schubert berufen, der wie kein anderer zu seiner Zeit mit Klängen Atmosphäre schuf. Sich auf Klänge einzulassen, sich ihnen auszuliefern, nachzuhorchen und damit aus der funktionalen Zeit auszusteigen, ist Konzept dieser Komponisten. Und zu horchen gab es auch jetzt viel. Auf zwei oder drei Ebenen, übereinander und untereinander, liefen die Klänge ab. Feine Gespinste, große Flächen, farbige Räume. Von Schubert erklang unter anderem der "Gesang der Geister über den Wassern" für achtstimmigen Männerchor und Streichorchester mit selten zu erlebender Intensität. Das "Ständchen" für Tenor-Solo (Markus Francke), Frauenchor und Klavier (Stefan Irmer) und das As-Dur-Impromptu für Klavier-Solo verflocht Huber als Installation mit Werken der Amerikaner. Earle Browns "4 Systems" gewann dieser aus Schuberts Tonmaterial. Abläufe, Übergänge und Mixturen waren tonartlich ebenso fein wie bruchlos aufeinander abgestimmt. Begeisterter Applaus.
WAZ, Kultur in Essen, 03.02.2010
